Musik in Ketten. Digital Rights Management |
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Hans Günther hat sich einen DVD-Rekorder von Philips für den Fernseher gekauft. Er ist nicht nur Liebhaber von Spielfilmen, sondern auch leidenschaftlicher Hobby-Filmer. Das Gerät von Philips ist gleichzeitig ein Videorekorder und kann auf Knopfdruck VHS-Bänder auf DVDs kopieren. Ideal für jemanden wie Günther, der viele alte Bänder im Schrank stehen hat und nun digitalisieren möchte. Günthers erster Versuch, eine mit dem Gerät gebrannte DVD zu vervielfältigen, um sie an Verwandte zu verteilen, scheitert jedoch: Kein Kopieren möglich. Philips versieht alle Medien mit dem hauseigenen Kopierschutz CGMS und unterscheidet nicht zwischen privaten und kommerziellen Vorlagen. Was als Schutz vor Raubkopierern gedacht ist, betrifft alle anderen Bereiche der neuen Medienwelt -- gerade auch die privaten: Digital Rights Management (DRM) oder, wie viele Kritiker es nennen, Digital Restriction Management. Denn es geht darum, dieVerwendbarkeit von digitalen Daten wie Videos, Bilder, Texte oder Musik zu beschneiden. Der Philips-Rekorder ist nur ein Beispiel für restriktive Techniken. Viele andere Hersteller verwenden den Kopierschutz CPRM. Geräte von Panasonic etwa verhindern das Aufnehmen von digitalem Fernsehen gleich ganz. Auch für den privaten Gebrauch. Nur Werbung darf man mitschneiden. Wer will das schon?
Neue Geschäftsfelder Beim Thema DRM werden oft zwei Dinge miteinander vermischt. Das eine ist das legitime Ansinnen der Urheber und deren Vertreter, Geld für ihre Arbeit zu bekommen. Dafür ist DRM ein effektives Mittel. Die andere Seite DRM geht erheblich weiter. Es regelt -- kurz gesagt -- wer was wann wie oft wo darf. Dazu werden die Daten verschlüsselt und mit einer Lizenz versehen. Bestimmte Programme (insbesondere der Windows Media Player) wachen nun über die Bestimmungen der Lizenz. Ist diese abgelaufen, verweigern sie das Abspielen eines Films oder Songs. In anderen nicht-DRM-fähigen Programmen läuft die entsprechende Datei gar nicht, da kein Schlüssel zum Decodieren vorhanden ist. Die Restriktionen einer Lizenz können sein: - zeitlich: Ein Stück darf nur einmal oder nicht länger als einen Monat lang angehört werden. - räumlich: Ein Stück darf nur auf einem bestimmten Gerät, in einem bestimmten Netz oder in einer bestimmten Ecke der Welt angehört werden - modal: Ein Stück darf nur einmal kopiert oder gespeichert werden. Manche Einschränkungen spiegeln sich positiv im Preis wider. OD2 liefert Stücke als Stream zum Einmalhören. Das kostet nur einen Cent. Für den Preis kann man es im Vergleich zum Download also 99mal hören. Mehr als genug für viele Eintagshits. DRM eröffnet neue Geschäftsmodelle. Kochmuffel bekommen z.B. einen Film als Zugabe zur Pizza-Lieferung. Dieser Film lässt sich nur in dieser einen Nacht abspielen. Das Preisargument ist aber zweischneidig. Denn der Normalfall wird der Kauf eines Stückes sein. Hier unterscheiden sich Download und fertige CD preislich nur gering. BMG vertreibt künftig CDs ohne Booklet für 9,99 Euro. Ebensoviel kostet das Album bei iTunes. Dieses ist aber bereits DRM-gekettet: Im iTunes- oder Sony-Laden gekaufte Stücke kann der Käufer nur eine gewisse Anzahl von Malen brennen und nur auf wenige spezielle mobile Player übertragen. Der Konsument zahlt also genauso viel und darf weniger.
Grenzen von DRM Noch lässt sich manche digitale Schranken wieder öffnen. Denn das komplette Computersystem macht noch nicht mit. Der Datenstrom zur Soundkarte ist beispielsweise unverschlüsselt und kann abgegriffen werden (Tools wie Total Recorder tun genau das). Außerdem ist es nicht möglich, Medien auf bestimmte Geräte festzulegen, da es ist nicht einfach ist, ein Gerät eindeutig zu identifizieren (siehe Authentifizierung von XP). Aber diese Lücken werden sich nach dem Willen der Medienindustrie bald schließen. Peripheriegeräte sollen einen Kryptoprozessor erhalten, so dass sie einen verschlüsselten Strom empfangen und decodieren können. Der unverschlüsselte Kanal entfällt also. Außerdem sollen Computer einen gesperrten Bereich bekommen (Stichwort: Palladium/TCPA ), auf den der Anwender keinen Zugriff hat. Hier liegt in einem Kryptochip ähnlich der Smartcard ein privater Schlüssel, der einen Computer genau identifiziert. Das geht so: Eine neu gekaufte Musikdatei wird mit diesem eindeutigen Schlüssel signiert. Bei jedem Abspielen prüft der Mediaplayer die Signatur. Stimmt sie nicht: Pech gehabt. Eine wichtige Forderung der TCPA-Kritiker ist daher: Der Anwender muss immer die Kontrolle über seinen Schlüssel haben und wissen, wann der Rechner damit signiert. Er kann eine Identifizierung ablehnen -- dann aber auch keine DRM-Daten verwenden. Letztendlich wird das mit TCPA ausgestattete Gerät zum Wächter über seinen Besitzer. Das hat finanzielle Aspekte. Zum Beispiel sitzen Sie am Fernseher und wollen einen Film ansehen, den Sie mit dem PC ganz legal geladen haben. Im Kleingedruckten der Lizenz haben Sie übersehen, dass Sie den Film nur auf einem Gerät benutzen dürfen und das ist der PC. Also teilt Ihnen Ihr Fernseher mit: "Bitte schieben Sie hier Ihre Kreditkarte...." DRM ist weniger ein Schutz vor Raubkopierern, als vielmehr ein Gewinnoptimierungsinstrument für die Medienindustrie. Zum Zug kommt DRM bei den Menschen, die ehrlich sind. Denn der technische Schutz vor Raubkopieren ist zweifelhaft. Ein Schwachpunkt von DRM-Systemen ist, dass Schlüssel im PC steckt. Wer die Verschlüsselung aufbrechen will, ist in der idealen Lage, dass er über die ver- und entschlüsselten Daten sowie den Schlüssel verfügt. Ein Puzzle, das sich für einen Experten relativ leicht zusammensetzen lässt. In den USA gibt es inzwischen Gesetze, die ein Knacken von Kopierschutzmechanismen verbieten. Das schadet aber der kryptlogischen Wissenschaft aber mehr, als den Raubkopierern. Denn letztere stören sich nicht an den Gesetzen. Eine Schwachstelle im Ganzen DRM-System ist ferner der digitale Ausgang der Soundkarte. Denn hier kommt unverschlüsselter Sound an. Auch das, was aus dem analogen Kopfhörerausgang kommt, ist für eine Kopie für den MP3-Player oder die Tauschbörse immer gut genug. DRM schützt nicht vor denen, die gezielt rauben wollen. Es verhindert vielmehr, dass diejenigen, die bislang frei über Medien verfügen konnten, nun mit Schranken leben sollen. Eine bislang nicht da gewesene Kommerzialisierung des privaten Medienbereichs schafft differenziertere und für den Verbraucher insgesamt teurere Abrechnungsmodelle. Die digitalen Wächter der Medienverkäufer sitzen im Wohnzimmer des Bürgers und kontrollieren dessen Mediennutzung mit seinen eigenen Geräten. Der berühmte Kryptologe Bruce Schneier etwa schreibt: "Meine Befürchtung ist, dass Palladium uns auf einen Weg führen wird, wo unsere Computer nicht länger uns selbst gehören." Der Gesetzgeber versäumt es, den Verbraucher hier zu schützen und überlässt ihn der Profitgier der Verbände. Die Ausrede ist einfach: Eine Einmischung des Staates sei schwierig, da es sich um weltweit verkaufte Techniken handele. So die Justizministerin in einem SZ-Interview. Dabei gäbe es durchaus Alternativen, Künstlern und Industrie eine angemessene Bezahlung zu sichern. Schon jetzt wird eine pauschale Abgabe auf viele Geräte wie CD-Brenner und Drucker erhoben. Vorstellbar wäre, dass Tauschbörsen ähnlich wie Radiosender eine Art Gema-Gebühr bezahlen. Kevin Bermeister, Chef des AltNet, über das auch Kazaa läuft, hat bereits ein entsprechendes Angebot an die Medienindustrie gemacht. Ein Konzepte für eine Pauschalvergütung hat beispielsweise der Medienökonom Felix Stadler auf dem Symposium "DRM und Alternativen" Ende Januar 2004 an der Humbold-Uni in Berlin vorgeschlagen. Eine Tausch-Gema würde die Einnahmen der Künstler und Kunsthändler sichern, den Käufer und Konsumenten aber frei von Kontrollen und Gängelungen halten. Hans Günther hat jedenfalls das gemacht, was Sie auch tun sollten, wenn Sie sich ungerecht eingeschränkt fühlen. Er hat das für ihn nicht brauchbare Gerät einfach umgetauscht. :whs
Übersicht: Einschränkungen durch DRM Beschränkung der Anzahl: Datei ist nur einmal zu verwenden Zeitliche Einschränkung des Genusses: Nur an einem bestimmten Tag oder nach dem ersten Start nur 24 Stunden Nicht brennen oder nur eine begrenze Anzahl von CDs/DVDs Generell kein Kopieren möglich Verwendung nur auf einem oder nur auf bestimmten Geräten Verwendung nur innerhalb bestimmter Netze (Domains) Genuss nur in bestimmten Regionen der Welt (bei DVDs: nur USA oder nur Asien) Kein Speichern möglich (nur Stream) oder nur in DRM-Formate (WMA)
Artikel in Heft 9/2004 des PC-Magazins
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Letzte Änderung: 1. Februar 2006 |