Datenspionage bei Facebook - Gefällt-mir nicht! |
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„Hier herrscht die Willkür eines Konzerns und der verdient mit systematischen Datenschutzverstößen Milliarden.“ Mit diesen Worten begründen die Juroren den Big Brother Award 2011 für Facebook. Der Vorwurf lautet, Facebook betreibt „die gezielte Ausforschung von Menschen und ihrer persönlichen Beziehungen hinter der netten Fassade eines vorgeblichen Gratisangebots.“ Was die Jurorin Rena Tangens in ihrer Laudatio besonders stört, ist: „Facebook macht das Freigeben von privater Information zum Standard – wer seine Informationen schützen und nur bestimmten Menschen zugänglich machen will, muss viel Aufwand treiben, um alle Stellen zu finden, wo ein Häkchen gesetzt oder eine Option abgeschaltet werden muss. Wer sich nicht kümmert, wird zum offenen Buch.“ Eine Webseite visualisiert diesen Vorwurf sehr anschaulich in Form einer Blume, die sich im Lauf der Jahre immer weiter blau füllt, abhängig davon, wie viel Facebook-Anwender in der Voreinstellung von sich preisgeben.
Neue Werbeformate Was Datenschützer immer wieder ärgert, sind die unübersichtlichen Einstellmöglichkeiten zur Privatsphäre (im Menü Konto). Sie wirken auf den ersten Blick sehr klar, eine kleine Tabelle, sieht man sich die Menüs in Detail an, so zeigt sich jedoch, dass sie alles andere als klar sind. Einige wichtige Punkte werden so massiv versteckt und maskiert, dass der Vorwurf der gezielten Verschleierung nicht von der Hand zu weisen ist. Die Frage stellt sich, warum? Denn Facebook selbst, hat die Informationen, die der Anwender einstellt, eh. Warum besteht also dieses ungezügelte Interesse, Personendaten bei Google ganz noch oben zu bringen und der Weltöffentlichkeit vor den Rachen zu werfen? Neben dem vordergründigen Eigennutz, denn jeder, der Freunde bei Facebook findet, wird sehr wahrscheinlich selbst Mitglied, gibt es noch tiefer liegende Motive. Jeder Facebooker, der sich für ein Gefällt mir entscheidet, wird dessen Werbeträger, und gerade diese werberelevanten Informationen sind es, die sich in den Privatsphäre-Einstellungen nicht so einfach ausblenden lassen. Am deutlichstens wird die unbewusste Rolle der Facebook-Anwender als Werbeträger im Kasten Gesponsorte Meldung (oder Sponsored Stories), der gelegentlich am rechten Rand der Facebook-Webseite erscheint. Werbung erfährt hier eine neue Qualität, sie wird zur Empfehlung unter Freunden. Mundpropaganda zwischen Leuten, die sich gegenseitig vertrauen, ist die beste Form der Werbung und viel mehr wert, als ein Fernsehspot, dessen Inhalt die Leute von vorne herein nicht als glaubwürdig einschätzen. Facebook dringt hier in eine Marktlücke, die noch kein Werbeformat im Netz erfolgreich besetzen konnte. Google schätzt diese Entwicklung offensichtlich als so gefährlich ein, dass der Konzern ein ähnliches Konzept bei Suchergebnissen anstrebt, den +1-Button. Investoren sind so überzeugt von der Zukunft der persönlichen – und nicht personalisierten – Werbung unter Freunden, dass sie Facebook mit 50 Millarden Dollar bewerten. Viele Anwender wissen nicht, wenn Sie gut gelaunt Gefällt-mit klicken, dass damit ihr Profil zunehmen mit Werbung durchwächst. Auch auf den Produktseiten in Facebook (wie der von Windows Phone) finden sich Gesichter von Freunden, die das Produkt empfehlen. Sogar auf ihren Webseiten außerhalb von Facebook werben die Firmen mit Gesichtern aus der Community.
Neuer Datenhandel Der Höhepunkt des Datenmissbrauchs bildet Facebooks Angebot an Partnerseiten, Informationen der Anwender weiter zu geben, die die Partner außerhalb von Facebook verwenden: Umgehende Personalisierung. Schon allein die verschrobene Wortschöpfung für die Übersetzung vom englischen Instant Personalization zeigt, dass Facebook Deutschland wenig Bedarf in einem klaren Begriff dieser Funktion sieht. Besucht ein Anwender künftig Bing, Trip Advisor, Scripd oder Docs.com, so bekommt er personalisierte (nicht persönliche) Inhalte zu sehen, die aus Facebook-Vorlieben resultieren. Wer beispielsweise Rom oder New York mit Gefällt-mir geadelt hat, bekommt bei Trip-Advisor gleich günstige Flüge angeboten. Eine weitere Verknüpfung ergibt sich aus der beliebten Facebook-App von Trip-Advisor ergeben, die Zugriff auf noch mehr Daten hat. Facebook verteidigt sich mit dem Argument, dass der Dienst für die Sofort-Personalisierung nur Daten weiter gibt, die die Anwender als öffentlich markiert haben. Außerdem werde jeder Facebooker beim ersten Besuch einer Partnerseite auf die Datenweitergabe hingewiesen. Aber selbst wenn die Anwender auf ihrem Profil Informationen öffentlich machen, so heißt es noch lange nicht, dass es ihnen gefällt, wenn Facebook diese automatisiert per Server-Schnittstelle weiter gibt. Die Hinterbliebenen würden sich bedanken, wenn die Süddeutsche Zeitung Daten aus Todesanzeigen automatisiert an Begräbnisinstitute, Immobilienmakler, Entrümpelungsspezialisten und die Steuerbehörden weiter gäbe, obwohl die Anzeigen öffentlich sind. Öffentlich ist eben nicht gleich öffentlich.
Versteckte Einstellungen Im Einzelnen: Wer die Hauptseite der Privatsphäre-Einstellungen von Facebook öffnet, findet eine übersichtliche Tabelle, in der die empfohlenen Voreinstellungen Status, Fotos und Beiträge; Biografie und Lieblingszitate; Familie und Beziehungen für alle Internet-Anwender freigeben. Mit einem Klick lassen sich diese Punkte auf Nur Freunde zurücksetzen. Doch, wer sich damit zufriedengibt und der Meinung ist, er sei für die Welt nun unsichtbar, hat sich schwer getäuscht. Gerade der Begriffe Biografie und Lieblingszitate ist hochgradig irreführend, denn der Anwender denkt naheliegend, dass damit seine Schulen und Arbeitgeber auf der Profilseite geschützt sind. Weit gefehlt, denn die Tabelle umfasst bei Weitem nicht alle Einstellungsmöglichkeiten, und so moderat sie ausgestaltet ist, so aggressiv sind die weiteren Punkte. Denn wesentliche persönliche Daten verwaltet der Anwender hinter Auf Facebook vernetzen und Benutzerdefinierte Einstellungen (siehe Kasten: Die richtigen Einstellungen). Hier verwaltet er beispielsweise, ob andere sehen können, wo er sich gerade befindet, oder ober er mag, dass die anderen seinen Lebenslauf oder seine Vorlieben sehen. Die Vorlieben sind hochgradig werberelevant, denn hier finden sich die vielen Gefällt-mirs, die auch für Fremde auf der Hauptprofilseite sichtbar sind. Noch weiter versteckt sind hinter einem dünnen Link Benutzerdefinierte Einstellungen und dünn im Dünnen die Privatsphäre-Einstellungen für bestehende Fotoalben und Videos bearbeiten. Schöner wäre es, wenn man Bilder getrennt von Statusmeldungen in der Haupttabelle der Privatsphäre-Einstellungen behandeln können, da sie doch einen weitaus höheren persönlichen Charakter haben. Wenn man sieht, wie freizügig Facebook Bilder der Anwender an allen möglichen Stellen zu Zwecken der Eigenwerbung einblenden, dann wird schnell klar, warum Facebook die Transparenz scheut. Außerdem sichert sich Facebook sehr umfangreich die Nutzungsrechte: „Du gibst uns eine nicht-exklusive, übertragbare, unterlizenzierbare, unentgeltliche, weltweite Lizenz für die Nutzung jeglicher IP-Inhalte, die du auf oder im Zusammenhang mit Facebook postest.“ Das schließt die Nutzung außerhalb von Facebook und auch durch Facebook-Partner ein. Auf die Einstellungen von Anwendungen (Anwendungen und Webseiten) sollten Sie ein besonderes Augenmerk richten, denn Apps haben weite Rechte, oft mehr als ihnen zum vernünftigen Betrieb zusteht. Trip Advisor beispielsweise will Fotos sehen und greift laut Zugangsprotokoll tatsächlich auf die Fotos zu.
Gefällt mir nicht mehr Über die unternehmenskritische Relevanz von Gefällt-mir-Produktseiten wurde bereits gesprochen. Nun hat der Anwender keine Möglichkeit diese Seiten zentral zu verwalten, ihnen Rechte zuzuweisen oder sie gar schnell zu löschen. Sie bilden den Schlüssel zum persönlichen Werbekonzept von Facebook. Die gefälligen Seiten finden sich weder in der Liste der Freunde, noch haben sie einen eigenen Absatz in den Privatsphäre-Einstellungen. An Rechten verfügen sie über die gleichen, wie andere Facebook-Mitglieder, aber nicht wie Freunde. Wer Seiten löschen will, muss sich einzeln aufmachen, auf die jeweilige Seite gehen und dort links unten ganz klein auf Gefällt mir nicht mehr klicken. Eine andere Möglichkeit ist es, die Produktseiten zu entmachten, indem man sie auf eine Liste setzt und deren Rechte stark einschränkt (siehe Kasten Mit Listen arbeiten). Schließlich lässt sich die Personifizierung der Werbung als solche einschränken, und zwar in der verstecktesten aller versteckten Einstellungen. Die findet sich nicht in den Privatsphäre-Einstellungen, sondern unter Kontoeinstellungen im Punkt Facebook-Werbeanzeigen und Einstellungen für soziale Werbeanzeigen bearbeiten. Hier lässt sich die Auswahl treffen: Kombiniere meine sozialen Handlungen mit Werbeanzeigen für ‚Niemand‘.
Fazit Facebook strickt bei der Privatsphäre nachweislich die Masche, je mehr Knoten es gibt und je weiter sie verteilt sind, desto verwirrter ist jeder normale Mensch. Die Firma kann behaupten, das Mitglied kann alles abschalten. Das stimmt, nur findet es keiner. Und wenn er es findet, ist es umständlich. Das Fazit kann daher nur lauten, seinen Sie wachsam mit Ihren Privatsphäre-Einstellungen und sparsam mit Ihrer Gefällt-mir-Gunst. Machen Sie Werbung nicht aus Gefälligkeit, sondern nur für das, was Ihnen wirklich gefällt. Mit dieser Werbung erkaufen Sie sich auf faire Weise eine lebhafte, kostenlose Community.
Anhang: Die richtigen Einstellungen Die Möglichkeiten sind sehr komplex und jeder Facebook-Anwender sollte die oft widersprüchlich scheinenden Privatsphäre-Einstellungen im Menü Konto einmal durchackern. Da sie sich ständig ändern, sollten er die Seiten regelmäßig auf neue Punkte durchsuchen. Insbesondere AGB-Änderungen weisen auf neue datenschutzrelevante Funktionen hin. Ein paar wichtige Dinge haben wir nach den Unterseiten sortiert zusammengestellt: Auf Facebook vernetzten
Benutzerdefinierte Einstellungen
Anwendungen und Webseiten
Kontoeinstellungen
Anhang: Mit Listen arbeiten Facebook kennt auf den ersten Blick nur Freunde. Alle, die der Anwender als Kontakt akzeptiert hat, dürfen alles sehen. Das will der Facebooker oft aber nicht, denn es gibt Kontakte, die er zwar nicht ablehnen will, die er aber dennoch von privaten Dingen ausschließen möchte. Die Königsdisziplin im Privatsphäre-Handling liegt daher in Listen anlegen und verschiedene Rechte zuweisen. Denn die aller meisten Facebook-Einstellungen lassen sich Listen von Freunden zuweisen oder gezielt entziehen. Das gilt auch für Gefällt-mir-Seiten. Eine Liste legen Sie im Menü Konto/Freunde bearbeiten und Liste erstellen an. Anschließend erscheint die neue Liste links im Menü, klicken Sie auf diese, und nun können Sie mit Mehrere hinzufügen bestimmte Freunde auf die schwarze Liste setzen. In den Privatsphäre-Einstellungen können Sie diese Liste nun bei vielen Punkten sperren. Zum Beispiel unter Benutzerdefinierte Einstellungen/Beiträge von mir: Wählen Sie statt Alle nun Benutzerdefiniert und setzen den Namen der Liste bei Das vor folgenden Personen verbergen ein.
Dieser Artikel ist zuerst im PC-Magazin 6/2011 erschienen.
Nachtrag (15. Juli 2011): Inzwischen hat Facebook eine automatische Gesichtserkennung auf Fotos eingeführt. Wer sich davon ausschließen möchte, findet den entsprechenden Punkt unter: Privatsphäre-Einstellungen/Benutzerdefinierte Einstellungen/Freunden Fotos von mir vorschlagen. Zum Deaktivieren wählen Sie Gesperrt. Ferner wird Facebooks Wert inzwischen auf 100 Milliarden Euro geschätzt. |
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Letzte Änderung: 15. Juli 2011 |