„Jetzt machen wir Druck und andere folgen uns"
Interview mit Dan Mills und Aza Raskin von Mozilla

 

Am Rande der Web 2.0 Expo in Berlin sprach Wolf Hosbach mit Dan Mills und Aza Raskin von den Mozilla Labs über die Zukunft des Browsers.

 

Derzeit ändern die Browser ihre Rolle und stehen als Mittler zwischen Desktop, Mobil und Web-Diensten. Wie wird der Browser der Zukunft aussehen?

Mills: Der Browser steht im Zentrum zwischen allem, was man im Web erlebt. Er ist daher in einer großartigen Position, um Informationen auf dem Computer und aus dem Web mit den Aufgaben zu verknüpfen, die man erledigen möchte.

Raskin: Er ist Vermittler zwischen dir und dem Web. Die Mozilla Labs entwickeln beispielsweise die Firefox-Erweiterung Ubiquity. Sie ändert den Browser von einem seitenzentrischen Ansatz zu einem aufgabenzentrischen. Ein Beispiel aus der Zukunft, ich möchte wissen, wer das letzte Rugby- Spiel gewonnen hat. Man sollte die Frage stellen, direkt eine Antwort bekommen und nicht wie heute erst ein Browser- Fenster öffnen müssen.

 

Das ist aber ferne Zukunft.

Raskin: Aber mit Ubiquity machen wir etwas Ähnliches. Wenn wir heute in einer E-Mail zu einer Adresse eine Karte verschicken wollen, geht das nicht unmittelbar. Wir müssen die Seite des Kartendienstes öffnen, die Adresse eintippen und dann den Link der Ergebnisseite zurück in die Mail kopieren. Mit Ubiquity sagt man einfach: Map it.

 

Eine Verbindung verschiedener Web-Anwendungen.

Raskin: Ja, wir öffnen unsere Programme derzeit für von Anwendern erzeugte Mashups. Wir nennen es Connect-the-Web-Language, die im Browser arbeitet, aber ein allgemeiner Dienst ist.

 

Der Anwender weiß bald nicht mehr, ob er das Web benutzt, einen Service oder den Browser. Wie fühlt sich das an?

Raskin: Es ist befreiend. Der Anwender muss sich nur noch fragen, was soll geschehen und nicht mehr, was muss ich zuerst machen und was dann? So nutzt er die Möglichkeiten des Webs, ohne browsen zu müssen.

 

Wird der Desktop verschwinden und stattessen ein Browser übrig bleiben, der die Funktionalitäten übernommen hat?

Raskin: Das ist eine Möglichkeit, aber ich halte sie für unwahrscheinlich. Stattdessen glaube ich, dass es eine wesentlich engere Verknüpfung zwischen Web und Desktop geben wird. Man merkt nicht mehr, was Web und was Desktop ist, eine integrierte Erfahrung. Ein Beispiel: Man reserviert ein Hotel im Web, und der Browser erzeugt automatisch einen Termineintrag im Kalender und überträgt die Adresse aufs Mobiltelefon. Der Browser ist ein Erste-Klasse-Bürger auf dem Desktop und darf auf jede Anwendung zugreifen, von der er Daten benötigt. Was letztendlich zählt, ist das bruchlose Benutzererlebnis über alle Geräte hinweg.

Mills: Es gibt ein weiteres Labs-Projekt, Prism, das in diese Richtung geht. Es holt Webseiten aus dem Browser heraus und erzeugt daraus den Look-and-Feel von regulären Desktop-Programmen. Zum Beispiel erschafft es eine Anwendung aus einem Webmail-Konto und legt ein Icon auf der Arbeitsoberfläche ab. Nach dem Starten entsteht ein eigener Prozess mit Task in der Taskbar. Die Anwendung bleibt aber eine gehostete aus dem Web.

 

Wenn die Grenzen zwischen Desktop und Web zu sehr verschwimmen, fürchten viele Anwender um die Sicherheit ihrer Daten.

Raskin: Ein Beispiel: Jede Community-Plattform fragt nach Username und Passwort für das EMail- Konto, um die Kontakte automatisiert zu laden. Aber so gibst du das Persönlichste von dir Preis und weißt nicht, wie es verwendet wird. Das Problem ist: Wie bekommen Web-Dienste persönliche Informationen, ohne dass die komplette Privatsphäre aufgegeben wird? Mills: Unsere Lösung heißt Weave. Die Anwendung stellt persönliche Daten verschlüsselt der Cloud zur Verfügung, aber nur der Anwender hat Zugang. Nicht einmal wir können die Daten lesen. Der Anwender kann nun eine Untermenge definieren und diese gezielt freigeben. Zum Beispiel darf die Community die Kontaktliste sehen, aber nichts weiter. Keine E-Mail und kein Passwort. Die andere Sache ist, wenn alle Informationen in der Cloud sind, können wir eine bruchlose Benutzererfahrung zwischen allen Geräten herstellen. Alle Termine etwa liegen auf einem Server und die Geräte holen sie sich dort ab.

 

Werden sich die Browser künftig stärker voneinander unterscheiden?

Raskin: Ich denke wir stehen am Anfang einer Periode erstaunlicher Innovationen. Wir hatten eine Art Stagnation, in der der IE das Monopol bildete. Nun verfügt Firefox über zwanzig Prozent weltweiten Marktanteil. Jetzt machen wir Druck und andere folgen uns. Privacy Mode ist ein Beispiel, das die anderen Hersteller kopiert haben. Wir sehen derzeit viele verschiedene Versuche, Innovationen einzuführen, und die besten werden von allen Browsern kopiert. Die Ideen von Ubiquity, Web-Dienste mit dem Browser zu verknüpfen oder Aufgaben- statt Seitenorientierung, werden nicht wieder von der Bildfläche verschwinden.

 

 

Artikel in Heft 2/2009 des PC-Magazins.

 

 

Letzte Änderung: 29. Juli 2009
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