Platz an der Sonne? |
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Der Bürotisch von Helga Peters ist leer bis auf den flachen Bildschirm und den lila Minirechner. "Ich muss noch aufräumen." Die wache junge Frau mit blondem Pagenschnitt seufzt, während ihr Blick auf einen kräftigen Stapel Papier, Zeitschriften und aufgerissenen Briefen fällt. Der türmt sich auf einem brusthohen Rollwagen neben ihrem Schreibtisch. Der Wagen wirkt wie der einer Frau, die gerne im kreativen Chaos arbeitet. Vorsichtig, dass kein Papier zu Boden fällt, schiebt sie ihn durch das Großraumbüro zu einer der Schrankgruppen, die den Raum in kleinere Sitzgruppen teilen. Helga Peters gehören mehrere Fächer, in die sie ihr Arbeitsmaterial und ihre persönlichen Gegenstände z.B. ein Foto ihres Mannes stopft. Ihr Schreibtisch hingegen ist abends immer aufgeräumt. Am nächsten Morgen wird ein Kollege aus der Buchhaltung hier sitzen oder ein Programmierer. Der Computerhersteller Sun hat im August 2000 mit dem Umzug in einen Neubau nach Heimstetten das dynamische Büro eingeführt, das sogenannte Flexible Office. Kein Angestellter hat einen festen Sessel, auch der Boss der Bosse nicht. Wie im Hotel bucht jeder seinen Platz immer wieder neu, höchstens auf einen Monat im Voraus. Wer unpünktlich kommt, verliert seinen Anspruch und muss sitzen, wo gerade frei ist. Jeden Morgen bieten die Flure das gleiche Schauspiel: reges Rollwagenschieben. Nur die Schränke bilden Ruhepunkte in der freien Sitzverteilung. Um sie herum sind Arbeitsgruppen verankert: Verkäufer, Programmierer oder Manager. Unten in den Schränken parken die Wagen. Sie bestehen aus drei großen abschließbaren Fächern bedeckt von einer edel polierten Holzplatte. An der Front ist ein Metallrohr zum Ziehen und Schieben angebracht, hinten ein Briefkasten. Immer mehr Firmen, gerade Computerfirmen, stellen auf dieses aus Amerika kommende Modell um: Microsoft, Siemens, IBM. Über die genaue Verbreitung in Deutschland gibt es noch keine Erhebung. Rüdiger Schneider von Top Office Management GmbH schätzt, dass nächstes Jahr der Anteil von Fernarbeitsplätzen auf über zehn Prozent steigen wird. Das ist ein Indikator für Flexible Office. Eine Firma, deren Angestellte zu Hause arbeiten, braucht intern wenige, aber flexible Arbeitsplätze. Schneider ist Geschäftsführer der aus der Fraunhofer Gesellschaft ausgegliederten GmbH und berät Firmen bei der Einführung flexibler Büros. Während die Angestellten neue Strapazen auf sich nehmen, liegen die Vorteile auf der Seite der Firmen. Bei Sun arbeiten 980 Menschen, es gibt jedoch nur 680 Arbeitsplätze. Die restlichen Angestellten sind unterwegs, krank oder im Urlaub. Die Firma spart Miete, Möblierung und Reinigung von 300 Plätzen. Die laufenden Kosten sinken um 30 Prozent und es gibt keine hausinternen Umzüge mehr. "Flexible Office verletzt natürliche, irrationale Instinkte des Menschen: Territorium, vertraute Nachbarn, Heimat", erklärt Schneider die Ängste der Menschen. Er empfiehlt deshalb eine lange Vorbereitung für die Mitarbeiter. Sun hat seine Angestellten beispielsweise ein Dreiviertel Jahr für das neue Konzept geschult. Sie konnten Vorschläge und Bedenken einbringen. "Vor dem Umzug hatten viele Mitarbeiter Angst, inzwischen haben sich alle daran gewöhnt. Wir haben einen Milestone auf dem Weg zur Neuen Arbeit gesetzt", behauptet stolz der zupackende Personalchef Wagenknecht. Er scheut sich nicht im Sweatshirt in die Arbeit zu kommen. Doch Beschwerden der Angestellten gibt es immer noch. Jeder ist bemüht, in der Nähe seiner Gruppe zu sitzen oder neben Leuten, die er mag und kennt. Das klappt auch in 80 Prozent alle Fälle, nur wenn das Haus überbelegt ist, z.B. Montags bei Konferenzen, gibt es Ärger. "Man sitzt dann irgendwo, neben der Buchhaltung oder sogar beim Vorstand," klagt Frau Peters. Der Weg mit dem Rollwagen ist weit und die unmittelbaren Kollegen fern. Über diesen Punkt hört der Betriebsrat die meisten Klagen. Der Pressesprecher von Verdi bewertet das dynamische Büro: "Wir haben nichts gegen dieses Arbeitsmodell, solange der Tarif eingehalten wird." - "Tarif? Wir haben keinen. Wir zahlen übertariflich. Kein Betriebsrat ist in der Gewerkschaft", entgegnet der Betriebsratsvorsitzende Gerd Aresin. Er trägt ein T-Shirt mit Firmenlogo. Helga Peters hat Glück gehabt, sie hat für diese Woche einen der begehrten Tische mit Blick auf die Alpen ergattert. Durch große Fenster den Wendelstein vor Augen, bereitet sie eine Präsentation für das Marketing vor. Sie prüft noch einmal alle Dias und stellt das erste Bild auf Bildschirmgröße. Mit spitzen Fingern zieht sie die Chipkarte aus dem lila Minirechner, der auf dem geschwungenen Holzschreibtisch steht. Sofort wird der Bildschirm schwarz. Sie geht durch die offenen, hellen Großraumbüros. Es ist leise. "Das ist Teil der Etikette", lächelt sie fest. Wer laut und viel telefonieren will, bucht eines der raren Einzelzimmer oder er wird in die Telefonkabine verbannt: Ein fensterloser, schmaler Raum, am Ende steht ein kleiner Tisch mit einem altmodischen Telefon darauf. In der Konferenz angekommen, schiebt sie entschlossen ihre Karte in den dortigen Rechner. Sekunden später flackert der Bildschirm auf und es erscheint ihre persönliche Oberfläche mit der Präsentation, so wie sie sie am anderen Tisch verlassen hat. Ausdrucke gibt es nicht, die Kollegen sitzen um den Tisch und folgen dem Vortrag. Sie werden schnell nervös, denn viel länger als eine Stunde darf das Treffen nicht dauern. Sonst verlieren sie den Anspruch auf ihren ursprünglichen Platz. Der ist noch nicht bei allen aufgeräumt. Auch Frau Peters möchte den Bergblick nicht gegen S-Bahn-Gleise oder ein Druckhaus eintauschen. "Wer seinen Schreibtisch nicht aufräumt, darf seine Sachen am nächsten Morgen bei der Warenannahme im Keller abholen. Das erfordert die Etikette", droht Gerd Aresin. Helga Peters kommt gerade noch rechtzeitig zurück, die Karte bereits in der Hand erweckt sie ihren Bildschirm zum Leben, sichert sich ihr Bleiberecht und sinkt in den Stuhl. "Geschafft!"
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Letzte Änderung: 1. Februar 2006 |