Rosa, das Weihnachtshäschen

 

Endlich Schnee. Lili liebte den Schnee und das Skifahren. In sanften Bögen schwang sie die Piste hinab, von links nach rechts, der Schnee knisterte, die Ski kratzen auf dem Eis und warfen kleine Schneehaufen unter den Kantern hervor. Wie in Trance hörte sie das rhythmische Klacken ihrer Stöcke. Stockeinsatz! Sie hatte noch das Rufen ihrer Skilehrerin im Ohr, inzwischen fuhr sie gut. Schon zwei Mal war sie diesen Vormittag von ganz oben nach ganz untern geschwungen, mit Gondel und Sesselliften wieder hinauf, und gerade hatte sie die dritten Abfahrt gestartet. Ihren Eltern war sie eigentlich nur einmal begegnet, und das war gut so. Zum Mittagessen hatten sie sich auf der Hütte verabredet.

Nun war es voller geworden, und es fiel ihr immer schwerer den Rhythmus zu halten, bräsige Anfänger querten die Hänge, während Pistenbrutalos von hinten angeschossen kamen und über ihre Spitzen bretterten. Auf einmal sah sie rechts eine kleine Spur in den Wald führen, zwei dunkle, parallele Linien, die etwas Ruhe versprachen. Das gefiel Lilly. Sie bog ein und folgte der Spur durch eine kleine Schneise. Nach kurzer Zeit bekam sie es ein bisschen mit der Angst zu tun, denn der Abhang wurde steiler und die Bäume rückten enger. Sie meinte fast schon, im Slalom um die Fichten zu jagen – hoffentlich schaffte sie die nächste Kurve!

Doch zum Glück öffnete sich jetzt der Wald zu einer kleinen Lichtung. An ein paar Stellen ragten dunkle Baumstümpfe bedrohlich aus dem Weiß, aber der Schnee war insgesamt tief genug. Lange hatte es noch nicht geschneit, es war zwei Wochen vor Weihnachten. Weihnachten, Lili freute sich schon, sie mochte den Duft der Kerzen, den der Tanne im Zimmer, die Platzerl von Oma, die vielen kleinen, bunten Lichter in der Dunkelheit, das Blinken der Kugeln und des Lamettas. Überall Licht. Ihre Mutter hasste Lametta, aber Vater konnte sich meist durchsetzen.

Endlich kam sie mit einem gewagten Schwung zum Stehen, das war im Tiefschnee nicht so leicht. Sie horchte auf, um sie herum war Stille, die Stille des verschneiten Walds. Weit weg vom Trubel auf der Piste. Nur von Ferne hörte sie das Rattern eines Lifts und hin und wieder drangen laute Rufe herüber. Eine kleine Lawine ploppte vom Zweig einer Tanne. Pfffrt. Nur, dass sie an Weihnachten immer alleine war, daran musste sie jetzt denken, das störte sie. Das war langweilig. Ihre Eltern waren da. Natürlich. Die waren eh immer da. Aber sie hatte keine Geschwister und ihre Freundinnen feierten in ihren Familien. Eigentlich hätte sie es schön gefunden, wenn Anna, ihre beste Freundin, oder Melli, die andere beste Freundin, beim Weihnachtsfest auch da wären, aber deren Eltern hatten bestimmt etwas dagegen. Sie hätten sich schminken können, ein Kleid anziehen, oder einfach eine Jeans, ein bisschen Chillen und Schokokugeln, und vielleicht würde sie einen neues warmes Oberteil geschenkt bekommen – Papa sagt immer: Pulli. Natürlich auf die Geschenke freute sie sich…

Doch hatte sich da nicht etwas bewegt? Lili wurde jäh aus den Gedanken gerissen. Sie starrte auf die bewegungslose, weiße Fläche, die am anderen Ende der Lichtung vom schwarzen Wald eingerahmt war. Sie hörte ihren Atem und sie sah in auch, stoßweise in weißen Wölkchen aus ihrem Mund geblasen. Eine ihrer roten Locken hatte sich unter der Mütze gelöst und fiel ihr ins Gesicht. – Da war es wieder: Unter der kleinen Tanne, die den Kettensägen der Waldarbeiter entronnen war, zuckte etwas im Schnee, keine fünf Meter von Ihr entfernt. Eine Amsel? Oder ein Eichkätzchen, das Nüsse aus dem Schnee grub? Lili bewegte sich nicht und vergaß das Atmen. Wieder flogen kleine Schneebatzen in die Luft. Das Tier schien schwer beschäftigt zu sein.

Leise schnallte Lili sich ab. Leise, von wegen. Klack. Klack. Langsam stapfte sie mit ihren schweren, klobigen Stiefeln auf die Tanne zu. Alles andere als leise. Sie wollte das Eichhörnchen nicht stören, es soll ja in Ruhe fressen, denn viel gab es sicher nicht in den nächsten Wochen. Doch die Neugierde siegte. Sie ging weiter. Schritt für Schritt. Als sie bei der Tanne angelangt war, konnte sie einen ersten Blick in das Schneeloch unter den tief am Boden hängenden, verschneiten Zweigen werfen.

Da lugten zwei lange eingeschneite Ohren hervor und zwei stechende schwarze Äuglein starrten sie. Nicht ängstlich. Ein Häschen. "Hallo ich bin Rosalie! Häschen Rosalie", sagte es. Lili wollte schon sagen, nett, ich heiße Lili, aber es hatte ihr die Sprache verschlagen Sie schloss kurz die Augen, aber nein: Der Hase war immer noch da und schaute sie aufmerksam an. War sie noch im Abfahrtsrausch? Sie sah sich um, niemand war da. Hatten wieder Rufe von Skifahrern auf der Piste einen Weg durch die Bäume gefunden? So wird es sein.

Dann schüttelte sich der Hase den Schnee vom Fell, "Du bist ja ganz rosa!", rief Lili erstaunt, ohne allerdings mit einer Antwort zu rechnen. Aber die kam unverzüglich: "Ja, das stimmt. Ich bin das Kuscheltier vom Christkind", sagte Rosa aufgeregt. "Und ich kann sprechen. Ob Du es glaubst oder nicht. Nenn mich einfach Rosa."

"Ich glaub doch nicht ans Christkind!", entfuhr es Lili. Jetzt wurde Rosa böse: "Sag so was nicht!", aber Lili setzte nach: "Bei uns kommt immer Astrid von nebenan und zündet die Kerzen an. Dann läutet sie das Glöckchen und verschwindet durch die Terrassentür. Mama glaubt, ich weiß das nicht, aber Clara, Astrids Tochter, hat’s mir erzählt. Letztes Jahr hab ich sogar gesehen, dass der Griff der Terrassentüre offen stand. Wenigstens kommt bei uns keiner dieser großen, laufenden Colaflasche. Hohoh," äffte Lili den Weihnachtsmann nach.

"Du wirst sehen!", rief Rosa gereizt. Nach einer kurzen Pause wurde sie plötzlich ganz aufgeregt. "Hör zu! Das Christkind hat mich verloren und findet mich nicht mehr. Ich hock hier schon eine ganze Weile. Eigentlich bin ich zwar auffällig, aber genau deshalb muss ich mich ständig verstecken. Sonst jagen mich die Eulen." Ängstlich legte sie die nun zitternden, rosa Ohren eng an den Kopf. "Ja, stimmt", wandte Lili ein. "Du bist wirklich auffällig!", und in Gedanken ergänzte sie: Ich rede mit dem rosa Hasen des Christkinds. Das glaubt mir Anna nie.

Rosa indessen war nicht mehr zu bremsen: "Nimm mich mit zu Dir, an Weihnachten kommt das Christkind zu Euch und kann mich dort einsammeln! – Bitte, bitte!" "Das ist eine gute Idee", antwortete Lili zögerlich, "Ich würde dir gerne helfen, … aber ich darf keine Tiere haben. Nichtmal kleine Mäuse, erlauben sie mir. Die stinken und machen Arbeit, behauptet Mama. Wer soll sie pflegen, wenn wir im Urlaub sind. Und so weiter …"

"Deine Eltern müssen es ja nicht wissen", entgegnete Rosa nun fordernder, "versteck mich, ich bin klug, stubenrein, leise und eben kein normales Haustier."

"Und wie soll ich Dich füttern?" – "Karotten mag ich, Petersilie … und Weihnachtsplatzerl. Wenn wir die Geschenke und die Weihnachtsbäume legen, nasche ich immer an den Tellern, die schon für das Fest bereitstehen. Die sind so voll, das merkt kein Mensch." Rosa hüpfte bei dieser Vorstellung lustig in ihrem Schneeloch die Eulen waren vergessen. Und Lili musste über den rosa Fleck lachen, der im weißen Schnee tobte. Sie begann, an Rosa Gefallen zu finden. Christkind hin oder her.

"Na gut", sagte sie schließlich, "Ich pack Dich in den Rucksack … aber wenn Du daheim auffällst, bring ich Dich ins Tierheim … und sitz nicht in irgendwelchen Ecken, sonst saugt Mutter dich ein. Sogar meinen schönsten Ring hat sie weggesaugt." – "Bist Du sicher?" Ganz sicher war Lili doch nicht.

 

***

 

Lili fuhr den Rest des Tages mit Rosa im Rucksack ganz vorsichtig. Abends am Auto befahl Papa: "Leg den Rucksack in den Kofferraum!" Die knallroten Skischuhe lagen schon drin und tropften, während Lili die gemütlichen Wuschelstiefel angezogen hatte. Alles stank ein bisschen nach Skisocken. Die Ski selbst hatte Papa fluchende auf dem Dach montiert.

"Ich nehme ihn mit rein!", antwortet Lili gereizt. Ihr Vater entgegnete: "Lili, er ist ganz nass, was willst Du damit. Ich mag nicht, wenn die Sitze verdrecken!" – "Meine Bücher sind drin", log sie. – "Dann hol sie eben raus." Papa wurde wütend. Er dachte immer nur an die Sitze.

"Ich…", begann Rosa trotzig einzuwenden, da schimpfte Mama: "Lass sie doch, die blöde Streiterei. Das Kind ist so stur geworden … Lass uns fahren. Es war kalt und wird langsam dunkel. Das Kind muss morgen in die Schule." Papa knallte die Klappe zu – Rumms! – und Lili stieg mit Rosa hinten ein. Während der Fahrt steckte sie eine Hand in den Rucksack. Und tatsächlich fühlte sie das weiche Tierfell.

 

***

 

Zuhause angekommen rannte Lili sofort die enge Treppe hinauf in ihr Zimmer und schlug die Türe hinter sich zu. Ihr Zimmer war nicht groß, aber auch nicht klein. In der Ecke stand ihr Bett, am Fenster der Kinderschreibtisch, darüber hingen ein paar glänzende Poster von Stars und auch ein paar schon angerissene von Tierbabys. Hasen waren auch dabei. Teilen musste sie das Zimmer mit niemand. Nicht wie bei Anna, die mit ihrer großen Schwester in einem Raum lebte. Dahinvegetieren, sagte Anna immer. Deswegen klingelte sie nachmittags oft bei Lili.

Unter dem Bett zog Lili nun einen alten Korbkoffer hervor, noch von ihrer Urgroßmutter, wie Mama immer betonte, und öffnete ihn. Ein leuchtender lila-rosa Stofffetzen quoll ihr entgegen. Na das passt ja! Ein altes Prinzessinnenkleid aus der Zeit, als sie noch ein Kind war. Ein alter Hut flog hinterher, ein abgelegtes Jackett ihres Vaters Das rosa Kleid legte sie wieder hinein. "Das passt…" murmelte sie erneut und holte den nassen Hasen aus dem Rucksack. "Hier, dein Bett ist fertig!". Ein paar Tage später entwickelten Rosa und Lili eine Strategie, wie sie Christkind und Hase an Heiligabend zusammenbringen konnten. Wo sollte Rosa sitzen, um nicht von den Eltern entdeckt zu werden? Plötzlich knallte die Türklinke herunter und Mutter kam ins Zimmer. Nie klopfte sie an, obwohl Lili einen großen Zettel an die Tür gehängt hatte, auf dem stand, "Bitte anklopfen!!!", mit drei großen, fett ausgemalten Ausrufezeichen. Der Koffer mit Rosa drin stand offen. Mama rief: "Was machst du mit den Verkleidungssachen? Es ist Advent und nicht Fasching. Außerdem dachte ich, Du willst keine Prinzessin mehr sein". Mutter lachte. Das Häschen drückte sich im Koffer in eine lila Tüllecke. "Ich suche meinen … Ring", stotterte Lili. -- "Ach den wollte ich dir ja noch geben", jetzt stotteret Mama: "D... d… den hab ich letztens … tatsächlich eingesaugt… Papa musste ihn aus dem Beutel hole, weißt du..." Diesmal lachte Mama nicht, aber Lili. Währenddessen hatte sie sich langsam der Kiste genähert und klappte den Deckel unsanft zu. "Wo ist er denn?", versuchte Lili abzulenken, aber Mama war gedanklich schon woanders.

"Und seid wann isst du Karotten?", fragte Mama. Lili entgegnete schlagfertig: "Sie sollen gut für die Augen sein, sagt Herr Großmann." Lilis Biolehrer.

Mama wurde ernst "Hock lieber nicht so lange vor der Kiste...", denn fügte sie gedankenversunken hinzu: "Aber in den letzten Tagen hast du wenig geguckt." Klar, Lili hatte mit Rosa gequatscht. Wenn man schon mal die Chance hat, mit einem Hasen zu quatschen. Mama setzte sich aufs Bett, neben ihren Füßen stand Rosas Korbkoffer. Lili bewegte sich nicht und beobachtete ihre Mutter. Was hätte sie auch sagen sollen.

"Und Platzerl hast du dir auch genommen, das sollst du nicht einfach so." – "Tschuldigung" fuhr es ihr etwas zu patzig heraus "Aber es ist Weihnachtszeit?" – "Setz dich mal hin Lili", begann Mama, "Du musst deinen Eltern nicht alles erzählen, aber dein Vater und ich..." Nicht so eine Diskussion jetzt, dachte Lili. " … wir machen uns etwas sorgen in letzter Zeit", fuhr Mutter fort.

Nach einer Pause fragte sie: "Bedrückt dich was?" – "Mir geht‘s gut Mama". Lili lächelte. Es war nicht gelogen. Im Korb raschelte der Tüll. Lili räuspere sich. Aber Mama starrte gedankenversunken aus dem Fenster auf die große Kastanie draußen, die im Herbst immer einen riesigen Haufen Laub in den kleinen Garten warf. Lili strich sich eine Locke aus dem Gesicht und biss auf die Lippen. Das Schweigen machte sie nervös.

Didelidü! Es klingelte an der Tür, Gott sei dank. "Anna" rief Lili, sprang auf und schob mit einem Fuß den Korb unsanft unters Bett. Die Freundin war inzwischen eingeweiht und stibitzte daheim auch Plätzchen für Rosa. Außerdem dachte sie, es wäre klug, sich mit dem Hasen des Christkinds gut zu stellen. Man weiß nie. Mama seufzte, stand auf und machte einen Schritt Richtung Zimmertür. Lili rannte an ihr vorbei, in den Flur und die Treppe hinab.

 

***

 

Endlich Heiligabend. Sie hatten ausgeschlafen, alle außer Lili, sie war früh wach wegen Rosa. Draußen war es noch dunkel, aber wenn Lili die Nase an die Scheibe drückte, sah sie im Lichtschein des Fensters, dass es schneite. "Wirst du heute abgeholt?" Sie setzte Rosa auf ihren Schoß und strich ihr über den weichen Kopf und Rücken. Der Hase richtet sich auf. "Ich kann doch nicht den Rest meines Lebens in diesem Koffer hocken!" Lili entgegnete: "Es ist lustig mit Dir, aber meine Eltern finden mich schon komisch." "Findest du sie nicht auch manchmal komisch?", fragte Rosa nun. "Ja schon", antwortete Lili, "aber es sind meine Eltern". Rosa: "Trotzdem hast du auch ein Recht drauf komisch zu sein, jeder findet jeden anderen irgendwann komisch. Das müssen deine Eltern jetzt lernen." Der Hase redete sich in Rage: "Beim Christkind lebt so ein seltsamer Engel, du wirst es nicht glauben, aber er …". Lili unterbrach nachdenklich: "Ich weiß seit zwei Wochen nicht mehr, was ich noch glauben soll," Rosa ging über die Bemerkung hinweg: "Egal. Dieser Rauschgoldengel jedenfalls hat …" – "Pssst!", zischte Lili: "Sei leise, ich höre Mama!" – "Lili! Frühstück!"

 

***

 

An diesem Tag wurde es früh dunkel. Eigentlich war es nie richtig hell gewesen, aber jetzt war die Zeit, wo es normalerweise dämmerte. Die Familie wartete herausgeputzt im Arbeitszimmer aufs Christkind. Papa und Mama standen an der Tür, Lili saß auf dem Schreibtischstuhl und Oma und Opa hatten sich auf dem kleinen Sofa niedergelassen, das ausklappbar auch als Gästebett diente. "Na was ist jetzt", nörgelte Papa. Lili hatte sich die Haare noch einmal gekämmt und ein hübsches Kleid angezogen. Innerlich war sie nervös. Was geschieht im Wohnzimmer? Noch nie in ihrem Leben hatte sie sich ihr diese Frage so aufgedrängt. Früher war eben einfach das Christkind da, na und? Aber jetzt geht es um Rosa? Wo ist sie gerade? Ist das Christkind da? Oder Astrid? Oder vielleicht beide? Bei dem Gedanken musste sie grinsen.

Endlich ertönte leise aus dem Wohnzimmer das Glöckchen. "Da, hört ihr! Das Christkind!", rief Mama wie jedes Jahr. Papa sage nur laut "Ahhhh!" und Oma lachte.

Sie traten ins Wohnzimmer und Lili sah die Kerzen, das warme Licht, und sie genoss den Duft von Wachs und Lebkuchengewürz. So wie sie es sich damals beim Skifahren vorgestellt hatte, nur dass es in echt einfach am schönsten ist! Die Messe hatte sie auch überstanden, zwischen den vielen Leuten hatte sie eh nichts sehen können. Die feierliche Stimmung hatte ihr gefallen, auch dort hatte es Lichter gegeben und der Chor hatte schön gesungen. Anna hingegen hatte alles doof gefunden.

Nach der Messe hatte sie sich von Rosa verabschiedet. "Du musst nicht weinen", hatte Rosa gesagt, "aber wenn Hasen weinen könnten, wäre mir auch zum Heulen zumute." Schluchzend hatte Lili erwidert: "Du kannst doch sprechen, warum nicht weinen?" Am liebsten wäre sie raus gerannt und hätte die Tür zuschlagen. So fest, dass Papa wieder gebrüllt hätte: "Elisabeth, wenn das noch einmal vorkommt, und so weiter…" Doch sie hatte Rosa auf den Schoß genommen, gestreichelt und hochgezogen, um ihr ein Abschiedsbussi auf das Schnäutzlein zu geben. Waren Rosas Augen nicht doch feucht geworden. Dann hatte sie das Tier im Wohnzimmer hinter der alten Krippe von der Urgroßoma, wie Mama immer stolz verkündete, versteckt. Dort konnte Rosa hervorspringen, wenn das Christkind kommt.

Aber war es nun gekommen? Lili ging auf den Weihnachtsbaum zu. Möglichst unauffällig versuchte sie, hinter die Krippe zu lugen. "Oh wie wunderbar", seufzte Oma, "Jetzt singen wir Oh du fröhliche!" Oma wollte gerade den ersten Ton anstimmen, als Lili leise aufschrie: "Ahhh!" Sie ging noch einen Schritt vor und starrte unter den Baum, wo die Geschenke lagen. Aber sie sah daran vorbei, vorbei an dem dicken Paket von ihrer Patentante mit Playmobil drin, vorbei an dem kleinen unscheinbaren Päckchen, das den schicke MP3-Player enthielt. Sie sah den Stapel Bücher nicht und das knubbelige, bunte Etwas mit den neuen Oberteil auch nicht. Nur das neue Mountainbike im Hintergrund, das nicht eingepackt an der Terrassentüre lehnte, hatte sie beim Eintreten kurz wahrgenommen. Und, ihr war aufgefallen, dass die Terrassentüre nur zugezogen und nicht verriegelt war.

Nun sah sie aber nur eins: Hinter der Krippe, die schon ein bisschen schäbig war, ragten zwei rosa Öhrchen hervor. Bevor Oma erneut mit "Oh du Fröhliche" einsetzen konnte, rief Lili laut: "Rosa!" Sie kniete sich hin und warf einen Blick hinter die Krippe. Zwei Knopfaugen blickten zurück. Leise sagte sie noch mal "Rosa!" und zog das Tier an sich. Wie damals im Schnee. Das Fell fühlte sich ganz echt an, nur die Augen guckten wie Glasaugen. Rosa war jetzt ein Plüschtier. Langsam dämmerte es Lili. Das Christkind war gekommen und hatte Rosa mitgenommen. Zum Trost hatte es den Stoffhasen da gelassen. Wie nett. Mit offenem Mund starrte sie das Tier an.

Oma war verstummt. "Wo kommt das denn her?", Papa schaute Mama fragend an. Mama antwortete leise: "Ich weiß auch nicht. Vielleicht hat Astrid es da gelassen." Dann fügte sie abwerten hinzu: "Wahrscheinlich ein altes von Clara." Lili hatte es gehört.. Nur war das Hasentier nicht alt, nagelneu war es. "Nein Mama", sagte sie laut und drehte sich zu ihren Eltern um. Fest blickte sie Mama in die Augen und sage, "Nein, Rosa ist vom Christkind!"

 

 

Letzte Änderung: 28. November 2011