Zu spät in Agadir

 

Schon seit Stunden hatte meine Aufmerksamkeit nachgelassen. In den ersten Tagen meiner Fahrt hatte ich noch versucht jedem Stein vorsichtig auszuweichen. Inzwischen hatte ich gelernt, dass deren eintönige Schläge gegen den Unterboden des Wagens irgendwie keinen ernsthaften Schaden anrichten. Die Temperaturen, die weit jenseits einer mir bekannten Zahl lagen, pressten meine Wahrnehmung aus der vorderen Gehirnhälfte und ich verfiel in einen drögen Zustand. Entgegen allen Erwartungen zeigte sich die Landschaft nicht weniger dröge. Die Piste führt entlang des Anti-Atlas-Gebirges im amazonasbreiten ausgetrockneten Flussbett des Wadi Draas, das einmal im Jahr die Wassermassen aufnimmt, die sich vom Gebirge aus dem Norden herabstürzen und entlang der Berge in den Atlantik im Westen abfließen. Ich stellte mir die Schlammlawine vor, wie sie von hinten, zuerst im Rückspiegel entdeckt, auf mich zu walzt, den Staub der Straße aufgreift, zuletzt den Wagen erfasst und uns beide fortreißt. Eine faszinierende Vorstellung. Die Realität blieb jedoch trocken, in Form einer ruckig, felsigen Piste, eines flimmernden Horizonts und der grauen geschichteten Berge zu meiner Rechten.

"Nein, wir fahren nach Agadir", hatten mir meine marokkanischen Freunde einige Tage zuvor in der schönen Stadt Meknes erklärt. "Es ist zu heiß" und verwarfen mit diesen Worten einen gemeinsamen Besuch der nördlichen Sahara, den wir daheim in Deutschland so ausgedacht hatten. Wir saßen im Café Jauhara in einer Vorstadt, tranken was Kaltes und im Hintergrund lief unvermeidlich ein Spiel der Fußballweltmeisterschaft. In jedem Café, in jedem Restaurant, auf allen Dorfplätzen im ganzen Land, in ganz Afrika sahen die Menschen zu, wie Kamerun, das einzige Land ihres Kontinents, gerade verlor. Die Aufregung war groß. Mir war es alles egal. Vierzehn Tagen später wollten wir uns in Agadir am Meer wieder treffen und ich fuhr alleine.

Ein Ereignis riss mich hin und wieder aus dem Fahrschlaf: Entgegenkommende, mindestens zwanzig Jahre alte Baulaster, die Ladefläche voll mit staubigen, stehenden Menschen, dicht gedrängt nebeneinander. Wohin wollen sie? Hier? - Straßenarbeiter, Mienenarbeiter aus den Bergen, Frauen auf dem Weg in eine Nachbaroase. Der öffentliche Nahverkehr der Wüste.

Alle Stunde hatte ich ein aus den Bergen kommendes, ins Waadi mündendes Flusstal zu durchqueren. Die Piste senkt sich steil drei bis vier Meter hinab, Steinmännchen bezeichnen den Weg durch die Geröllmassen. Schon die Schwelle hinab ist oft gefährlich hoch für meinen Straßenwagen. Der Fahrer steigt aus, stellt sich der Sonne und untersucht den Weg um die Felsklötze. In breiteren Betten sammelt sich an manchen Stellen Wasser, bildet Oasen und gibt den Menschen eine karge Lebensgrundlage. Ich erinnere mich an den Herrscher über eine kleine Dattelplantage und fünf Ziegen. Er, einen Kopf kleiner als ich, dafür zweimal so breit, hatte beschlossen meine Hand zum Abschied festzuhalten und ich spürte: Der allgegenwärtige Felsen selbst umschloss meine Rechte. Nicht fest, dass es geschmerzt hätte, aber unnachgiebig. Mein Schreck war groß, sein Gesicht veränderte sich. Die tiefen Furchen wurden zu Stein, zu einem der vielen Berge, die mich seit Tagen umgaben. Deren Geist hatte mich. Das breite Grinsen, die vielen kratzenden, aber wohl freundlich gemeinten Worte, in einer Sprache, in der ich nicht bis drei zählen konnte, gaben mir Hoffnung, nicht Gefangener zu sein. Hatte er doch zuvor Brotstückchen mit mir geteilt, die wir gemeinsam in fades Öl tauchten. Ich war sein Gast. Er hatte mir viele Fragen gestellt, ich antwortet Französisch, schließlich Deutsch. Wir verstanden uns schon. Seine Mutter, seine Frau, seiner Kinder und sämtlicher Ziegen waren Statisten der Situation. Sie verließen das Dunkle des Zimmers nie. Sie durften nicht am Besuch des Fremden Teil haben. Groß war die Enttäuschung als ich nach einigen Stunden aufbrach, war ich doch in Agadir verabredet. Um so intensiver und ausgiebiger wurde das Handschütteln genossen. Im Hintergrund seine kleine Oase, kaum größer als der Münchner Marienplatz, umgeben von einem Felsring des Antiatlas.

Von der rechtzeitigen Ankunft in Agadir sollte mich etwas anderes aufhalten. Eine Traube von Menschen hatte meinen Wagen umschlossen. Weiterfahrt nicht möglich. Schon bei der Einfahrt in das fest ummauerte Dorf wurde ich von schreienden Kindern begleitet. Die kleine Stadt hatte sich ihren Schutzwall aus Zeiten erhalten, in denen wilde Beduinen die kaiserlich marokkanischen Grenzdörfer überfielen und ausraubten: Lebensmittel, Vieh, Frauen und die Kinder. Hoch oben auf dem Hügel lag es, namenlos, auf keiner Karte zu finden, die Mauern kaum vom Fels zu unterscheiden. Aus der Ferne war es schwer, es überhaupt als menschliche Wohnstatt auszumachen, verrät es sich heute erst durch die Straße, die hinauf führt. Ich steckte irgendwo in der Mitte fest. Also zerrte mich der Bärtigen aus dem Wagen und verbrachte mich in ein dunkles Zimmer eines der gemauerten Häuser. Es war nur scheinbar kühler. Man erwartet, dass ein dunkles Zimmer kühl zu sein hat. Es gab Tee, Reden, diesmal auf Französisch, einer ist Saisonarbeiter im nördlichen Melilla, einem kleinen Rest des spanischen Kolonialreiches. Dort verdient er soviel Geld, dass er sich einen R4 leistet, den einzigen Wagen des Städtchens. Ein R4 mit schwächlicher, gerade leerer Batterie, wie ich bald erfuhr. Nach nicht allzu langer Zeit -- warum waren die Leute hier so hektisch? - stand diese auf dem Boden, der Sitzplatz, Tisch und Bett in einem war. Die folgende Stunde musste ich ein Tauschgeschäft abwehren, das mich in Opposition zu acht oder zehn, dunkelhäutigen, schnurrbärtigen Männern brachte. Sie rückten näher, gestikulierten mit den Armen und Händen, redeten in allen Sprachen der Welt. Die Situation hatte eine mir von der arabischen Welt wenig bekannte Unruhe. Mir gingen die Argumente aus, warum ich meine neue Batterie nicht gegen die alte tauschen wolle. Hatte ich doch zu viele äußerst günstige Teppichkäufe in Fez, Meknes und Marrakech abgewehrt, um jetzt einzuknicken. Einmal hatte ich auf einem Stapel Knüpfware gesessen und der zunächst sehr schmeichelhafte Verkäufer schlug nun mit einem gerollten Exemplar links und rechts von mit auf den Stapel. Wollte er mir die Festigkeit seiner Ware beweisen? Jedenfalls bin ich ohne Teppich und mit eigener Batterie aus Afrika zurückgekehrt.

Eines konnte ich meinen Gegenübern nicht verwehren: Ihre Batterie mit meiner aufzuladen, eine Gefälligkeit, auf die ich im bayerischen Winter ebenfalls schon angewiesen war. Wir verließen das Zimmer, um in die scheinbar größere Hitze zurückzukehren. Es war später Nachmittag und die kleinen Häuser hatten lange Schatten auf die schmutzigen, ungeteerten Wege geworfen. Der fröhliche Stromaustausch sollte an der schattigen Seite der Mauer außerhalb des Dorfes stattfinden. Zu meinem Ärger erwartete mich der nächste Streit: Sollte ich den Motor ausmachen. Ich weigerte mich. Ich hatte keine Lust, dass seine Batterie voll und meine leer war. Während wir stritten, kletterte ein zehnjähriger Junge auf eine von außen an die Mauer gebaut Hütte. Er befestigte eine Antenne. Bevor die Diskussion ihre vorherige Hitze erreichte, lenkte ich ein mit dem festen Vorsatz, den Motor in dem Moment wieder einzuschalten, in dem sich einer mit der schäbigen Batterie meinem Wagen näherte.
Was nun geschah, ließ mich endgültig und willenslos in die Hände meiner Gastgeber entgleiten. Es kam nicht die Batterie, sonder ein Fernseher. Ein kleiner tragbarer Fernseher, der schnell an die Antenne auf der Hütte angeschlossen war. Hände zogen mich von meinem Wagen ein Stück zurück, und drückten mich auf eine Matratze, das ganze Dorf, besser gesagt der männliche Teil, hatte sich eingefunden, saß neben mir, vor mir, ich erhöht, mit Tee und Wasser reichlich versorgt. Ich starrte nach vorne. Da stand mein Auto. Silbern glänzend, die Schnauze auf die Gruppe des Zuschauer gerichtet. Weit aufgerissen verschlang es wie ein Krokodil das graue Fernsehgerät. Jedem Moment sah ich die schwere Klappe zuschlagen, um all dem ein Ende zu machen. Was ich in Wirklichkeit zu sehen bekam, ließ mich so fremd werden, wie ich mich nie in meinem Leben vorher und jemals hinterher gefühlt habe. Der Himmel glühte rot auf, um sich in der kurzen afrikanischen Dämmerung zu ergehen. Die Menschen um mich palaverten im roten Schein, laut, arabisch. Der Bärtige hatte den gewünschten Sender gefunden, einen französischen Kanal. Ich braucht einige Zeit, bis ich die Jungs auf dem Spielfeld als die unserigen erkannt hatte. Stimmte das Datum? In dem Moment, in dem die Dunkelheit die Sahara umfasste, begann der sternenhafte Siegeszug des jungen Kliensmanns, der als Ersatz für den angespuckt ausgeschiedenen Völler die Deutschen zu Weltmeistern kickte. Die lang vergessene Fußballweltmeisterschaft hatte mich wieder. In letzter Sekunde rette ich das kleine am häßlichen Nordrand der Sahara liegende Dorf mit ein bisschen Strom aus einer 88kw-Dieselbatterie vor dem Abgeschnitten sein vom Bilderstrom, auf den sich das Bewusstsein der Welt gerade konzentrierte. Wichtiger als alle Not: Das Endspiel. Konnten sie nicht ohne glücklich sein?.

Bald hatten meine Gastgeber mitbekommen, dass eine der Mannschaften die meinige sei und freuten sich weitaus mehr über den Sieg als ich. Zu Feier vertranken wir die Alkoholvorräte des Dorfes: Eine viertel Flasche Schnaps aus Melilla. Die folgenden drei, vier Tage verbrachte ich bei ihnen, dufte meinen Schlafsack auf der Terrasse des Bürgermeisters ausbreiten, war bei einer Hochzeit eingeladen, nahm an der Versammlung des Ältestenrates der Dörfer teil und lernte Auto fahren im tiefen Sand. Nach Agadir kam ich zu spät.

 

 

Letzte Änderung: 1. Februar 2006
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