Rettet den Münchner Schweinsbraten vor der Globalisierung |
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Wer wie ich in den Neunzigern in München an der LMU studiert hat, wird sich an das kleine Café in der Amalienstraße erinnern, das direkt gegenüber der Uni gleich hinter dem Jeans-Laden an der Ecke lag. In einem alten Schaufenster waren in einer Vitrine ein paar Kuchen ausgestellt, die Türe hatte ein kleines Fenster mit Fensterkreuz, beim Eintreten bimmelte eine Glocke und man musste sich durch einen schweren Vorhang schieben. Im schmalen Raum war es meistens laut, rechts die ersten Tisch, es wurde geraucht, links die hell erleuchtete Theke, an der meistens eine lange Schlange von Studenten stand. Dazwischen bahnte sich nur ein schmaler Durchgang, dann eine Stufe hoch zum Hinterzimmer, in dem es meistens keinen freien Tisch mehr gab. Hinter der Theke bedienten drei dicke, bayerische, beschürzte Konditorinnen, denen offensichtlich schmeckte, was sie verkauften. Griffen sie in die Ablagen ließen ihre Unterarme keinen Zweifel daran, dass sie es noch gelernt hatten, große Mengen Brotteig von Hand zu kneten. Das Beste aber war der Duft im Café. Es schloss sich direkt an die Backstube an und oft roch man die frischen Hefefladen mit Rosinen bereits auf der Straße und auch Zigarettenrauch und Kaffeedampf im Inneren überdeckten den Hefeduft nicht komplett. Einmal ging ich aus Neugierde in den benachbarten Hinterhof, in dem sich ein mondänes Grafikbüro eingerichtet hatte. Der Grafiker empfand das damals etwas heruntergekommene Ambiente der Amalienstraße und den studentischen Flair als schick. Wegen der sommerlichen Hitze stand im Hof die Hintertüre zur Bäckerei offen, der schnurrbärtige Bäckermeister genoss draußen eine Zigarette, hinter ihm im Raum lagen auf einem gemauerten Absatz große, rechteckige Metallbleche und darauf von Butter glänzende, runde Rosinenhefeteigfladen. Daneben standen auf dem Boden zwei große, zylinderförmige Teigknetmaschinen. Gebacken wurde den ganzen Tag, die Fladen waren immer frisch. Gerade ruhten Maschine, Teig und Meister. Ich hab viele Tassen und Tässchen Kaffe dort getrunken, viele Zigaretten dazu gedreht, viele Vorlesungen ohne viel Verstand debattiert und versucht, viele Mädchen damit zu begeistern. Neben der Kneipe Türkenhof und dem alten Alten Simpel ist dieses Café eine der Erinnerungen, mit der ich wie mit keiner anderen das Studentenleben verbinde. Inzwischen lebe ich nicht mehr in der Maxvorstadt, sondern in Germering. Mein Schock war groß, als ich vor ein paar Monaten über die Schellingstraße lief, die Amalien kreuzte und einen Blick auf das geliebte Café warf. Statt dem alten, dunklen, patinierten Schaufenster sah ich eine auf Hochglanz polierte Glasfront. Die metallenen Hochstühle und die von innen an die Fenster geklebten Tische richteten sich nicht zum Raum hin aus, sondern zur Scheibe hin nach draußen. Wie die Affen im Zoo glotzten mich durch das Glas hindurch modische Weiber und Typen an. Auf einigen Tischen lagen Zeitungen umher, aber niemand las darin. Wenn überhaupt fand Kommunikation mit dem Handy statt. Ob Sanfranciscocoffecompany oder der Name einer anderen Kaffeekette im leichten Bogen auf den Scheiben stand, weiß ich nicht mehr. Der Gegensatz zwischen einem authentischen Familienbetrieb und globaler Langeweile hätte jedenfalls nicht krasser ausfallen können und in mir ist der Traum des ewigen Studentenlebens, das ich hoffte, genau hier einmal wieder einmal aufblühen lassen zu können, endgültig zerbrochen. Nun Also mein Aufruf zum Saubloggen am Mittwoch: Rettet den Münchner Schweinsbraten (nicht Schweinebraten, wie man weiß) vor den gastronomischen Globalisierern! Und die Münchner Caféhauskultur, selbst wenn sie nie mit der in Wien vergleichbar war. Besser als Coffetogo ist sie allemal noch. Noch. Dieser Text ist auch in meinem Blog Hausmannskost erschienen.
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Letzte Änderung: 13. Dezember 2007 |