Sendlinger Dialoge

 

zugehört von Wolf Hosbach

 

Blick aus der S-Bahn

Mit einem Ruck öffnen sich die Türen des Zugs und geben den Blick auf ein blechernes Wartehäuschen frei. Jemand steigt aus. Die Mittagssonne teilt das Innere des Häuschens in einen dunklen und einen hellen Bereich. Zwei Jugendliche sitzen auf den dicken dunkelbraunen Latten der Holzbank: in der sonnigen Mitte ein fetter mit grobem, bleichen Gesicht, rechts neben ihm ein hagerer. Der Fette stützt seinen massigen Oberkörper mit den Unterarmen auf einen in seinem Schoß liegenden Volleyball. Wie seine Sportidole im Fernsehen trägt er Markenklamotten: Jeans, weißes Sweatshirt und auffällige Turnschuhe.

Der Hagere lehnt regungslos abgewendet mit der Schulter an der schattigen Seitenwand des Häuschens.

Ein dritter, eher zierlicher Junge asiatischer Herkunft steht vor den beiden anderen. Er trägt Blau und schmückt sein Gesicht mit langen, schmal rasierten Koteletten. Mit einem frechen Grinsen klatscht er direkt vor der Nase des Dicken in die Hände und grabscht nach dem Ball. Mit krachenden Schlägen donnert er das geraubte Rund gegen die blecherne Rückwand des Wartehäuschens. Immer wieder knallt der schwere, rotbraune Volleyball dagegen, lässt es erzittern und die Laune der umher stehenden beben.

Der Übertölpelte beobachtet den Kleinen mit schief aufgelassenem Mund. Seine Miene verrät: Sowas darf einem echten Ballhelden nicht passieren. Der Ballräuber ist jedoch ohne schlechtes Gewissen in sein Spiel vertieft. Fassungslos wendet sich der Dicke seinem hageren Nachbarn zu, doch der ist immer noch regungslos von der Szene abgewendet.

Während das Donnern des Balls den Dicken alle paar Sekunden an seine klägliche Schande erinnert, presst er endlich das erlösende Wort aus seinem Inneren: "Wichser"!

Die Türen der Bahn schließen sich.

 

Grillfest im Hinterhof

In einem Gewerbehof hat der Inhaber zum Grillfest eingeladen. Die Kohle glüht seit einigen Stunden in der Dunkelheit, die Gesellschaft sitzt um einen Biertisch herum und ist beim zweiten Kasten. Gespräche und Lachen hallen von den nackten den Hof von zwei Seiten umschließenden Mietshäusern wieder.

Der weibliche Gast laut: "Duast as a lecken?" Pause, dann dringlicher: "Duast as lecken?" Lachen in der Runde, der Gastgeber tönt: "Jau, weils a roade Fozn hod!" Die Gesellschaft grölt, die thailändische Frau des Gastgebers kichert. Sie versteht offensichtlich wenig Deutsch. "Lecken" - "Roade Fozn" - das Thema wechselt zum gegrillten Fisch.

Später wieder der weibliche Gast: "Peda, du dramst. - Du dramst, Peda. - Des hod mei Vadda a imma versuachd. Dei Tochta is so hübsch, in zehn Jahrn wern die junge Männer Schlange stehn in Dam Hof." Der Gastgeber: "Jo freilich is hübsch." - "Du dramst Peda, Du bist doch koa Kanacke!" Ein anderer Gast ist beim Stichwort Kanacke auf die Idee gekommen und wirft dazwischen: "Stell Dir vor es is a Nega!" Der Vater donnert, um das Biergröhlen am Tisch zu überbieten: "Den werd i schlogn bis er koane Fiaß und koane Arm mehr hod." Der weibliche Gast schrill: "Aber wenns ihn liiibt!" - "Wann er ohne Fiaß und ohne Arm hier an Hof naus krieacht, dann werds ihn a nimmer lieabm." Zustimmung, Gelächter.

Die thailändisch Frau des Gastgebers ist inzwischen ins Haus gegangen, vielleicht um die hübsche Tochter ins Bett zu bringen. Scheinbar begeht sie einen Fehler und einer der Gäste macht den Gastgeber darauf aufmerksam. Der springt auf, stürmt zum Wohnhaus und brüllt: "Des letzte moi hab i ihr gsagt, i stechs aufm Treppenabsatz nieder, wann des no amoi passiert".

 

Schwimmbad

Als die junge Frau die Treppe des Mietshauses hinunter kommt, ratschen unten vor den Briefkästen drei dicke alte Weiber. Eine mit speckigen, schwarz gefärbten Haaren und zerfurchtem Gesicht: "Jo Griaß Goad! Gengans spaziiarn?" Sie trägt eine dicke rosa Steppjacke. Die junge Frau antwortet: "Nein, ich geh ins Schwimmbad." Die Alte kreischt: "Wos? Sie genga ins Schwimmbod? Hom sie koa Angst vor Aiiids?" Die junge lacht: "Ne, eigentlich nicht." - "I bin nia ins Schwimmbad!" Die kleine, stämmige mit kurzen, aber vollen weißen Haaren und grauem Mausmantel schüttelt den Kopf und nuschelt zur dritten: "I bin allawei ins Schwimmbad. I hob a koane Angst ned ghobt." Die dritte dick geschminkt und Gold behangen pflichtet ihr aufgeregt bei: "I bin früha a oft schwimmen gangen. Und Angst hob i an nia ghobt, weil i mi hinterher immer guad eicreamt hob." Die junge Frau verabschiedet sich freundlich, aber entschieden.

 

Poccigangsta

Der eine lehnt an der Glaswand, die die Stehplätze der U-Bahn von den Sitzreihen trennt. Die Bügel seiner schmalen, rosa Sonnenbrille liegen über langen, weit in die Backen reichenden Koteletten. Seine grüne Armeehose mit riesigen Taschen sitzt so tief, dass der Schritt auf Höhe der Kniekehlen hängt. Den Kopf gesenkt fällt sein Blick auf die nicht besser sitzende graue Hose seines Begleiters, der mit an einer der senkrechten Stangen lehnt. Er ist etwas kleiner und trägt ebenfalls kurze, aber dunkle von einer amerikanischen Kappe bedeckten Haare. Hin und wieder schaut er etwas verunsichert im Wagen umher.

Haltestelle Poccistraße, die Türen öffnen sich. Der Bahnsteig liegt im kalten Neonlicht und passt zum anliegenden Münchner Kreisverwaltungsreferat.

Durch die Tür tönt blecherne Rap-Musik ins Innere des Zugs. Gerade entfernt sich eine Gruppe Jugendlicher, von denen ein Farbiger mit langen Dread Locks einen CD- Spieler auf den Schultern trägt. Die Gang ist nur kurz zu sehen und verschwindet hinter einer der dicken dreckigen Säulen, die sich entlang der Bahnsteigkante aufbauen. Nur der Bass und die anklagende Stimme des Ghettogesangs sind noch zu hören.

Der dunkelhaarige Junge hat den Abtritt seiner Altersgenossen missliebig beobachtet: "Poccigangsta". Sein Begleiter hebt kurz den Kopf, erwidert aber nichts.

 

Vegetarier

Die Runde trifft sich häufiger nach der Arbeit im Café Manila. Über drei Stufen erreicht man das kleine Hinterzimmer, das drei bis vier Tischen Raum gibt. Sie trinken schon seit einiger Zeit Pils, Weissbier oder Cocktails. Das immer lächelnde phillipinische Besitzerehepaar sorgt freundlich für Nachschub. Über der Gruppe hängt das Plastikbild eines Wasserfalls, dessen herabstürzende Kaskaden mit kleinen Leuchtdioden animiert sind.

Ein Mann mit weißen Haaren trägt einen gelben Lacoste-Pollunder, eine grünkarierte Stoffhose und weiße Lederslipper. Er ist sichtlich erregt: "Wegen die Vegetarier wern mir verhungern! Die fressen de Khia und Schweine des Gras weg un dia hom nix mehr. Und mia a ned!"

Ein jüngerer Mann pflichtet ihm bei: "Jetzt homs raus brocht, dass des dumm macht, wenn ma kei Flaiisch ißt. Wegen de Proteiine." - "Jo, des glab i sofort." erwidert der Alte. "Des glab i sofort" und schüttelt den Kopf.

Eine der Frauen kreischt gleichzeitig: "Ja genau, die Prodeine!" und zieht hastig an ihrer Zigarette. Die neben ihr wirft ein: "Ja, aba da Sascha is do a a Vegetaria und der is a ned bleed." Der Alte greift aufgebracht nach der Tischkante und zieht sich nach vorne: "Ja no ned! Ja no ned!"

 

 

Letzte Änderung: 1. Februar 2006
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